14.02.2007: hbz-Fachkonferenz zur Zukunft von Bibliotheken
Köln, 14.02.2007. Vorsichtiger Optimismus trotz stagnierender oder sinkender
Etats – so lässt sich das Meinungsbild auf der Podiumsdiskussion "Die
Zukunft der Bibliotheken" zusammenfassen. Im Rahmen der jährlichen
Fachkonferenz des Hochschulbibliothekszentrums NRW (hbz) im Maternushaus in
Köln am 30./31. Oktober 2006 diskutierten hochkarätige Bibliothekare und
Wissenschaftler über die zukünftige Rolle der wissenschaftlichen und öffentlichen
Bibliotheken in Deutschland.
Erstes Thema des von dem Wissenschaftsjournalisten Peter
Welchering moderierten Gesprächs war die Wirkung des neuen Hochschulfreiheitsgesetzes
in NRW. Dr. Jürgen Bunzel (DFG) betonte, dass dieses Gesetz nicht automatisch Einsparpotentiale
bei den Bibliotheken schaffen darf. Prof. Dr. Walter Umstätter (HU Berlin) hält
wissenschaftliche Bibliotheken bereits jetzt für besonders wirtschaftlich:
"Sie sind die wichtigste Möglichkeit für Einsparungen in der Wissenschaft,
da sie Doppelarbeit verhindern helfen."
Leider komme der Kostendruck inzwischen von zwei Seiten: Die
Abonnements werden teuerer und auch für die Publikation des Wissens wird oft
ein Beitrag gefordert. "Wir müssen uns beinahe schon die Frage stellen,
wer sich das wissenschaftliche Publizieren eigentlich finanziell noch leisten
kann", meinte Prof. Dr. Claudia Lux (DBV). Jürgen Bunzel ergänzte:
"In beiden Bereichen muss die Verhandlungsmacht zusammengeführt werden,
damit uns die Preise nicht davonlaufen."
Open-Access-Plattformen
Eine Lösung für diese Probleme ist der vermehrte Einsatz von
Open-Access-Plattformen für wissenschaftliche Publikationen. Aus Ihrer Praxis
als Historikerin und
Online-Herausgeberin im Rahmen
der hbz-Initiative DiPP, wusste Prof. Dr. Gudrun Gersmann (Universität Köln) allerdings,
dass potentielle Autoren immer noch hohen Informationsbedarf haben. "Ich
höre Fragen wie beispielsweise: wo darf ich was publizieren, welche Rechte muss
ich einholen, was passiert mit meinen Texten, was ist mit meinem Urheberrecht?"
Claudia Lux erkannte zwischen Open Access und Urheberrecht
keinen Widerspruch. "Doch wenn das Urheberecht dazu dient, Materialien aus
dem Netz heraus zu halten, weichen Wissenschaftler auf Alternativen aus. Ich
frage mich, ob das gut für die Wissenschaft ist."
Doch Open Access erfordere von den Forschern und den Wissenschaftsverlagen
ein verstärktes Engagement, bemerkte Jürgen Bunzel. "Wir erwarten von
Verlagen und Wissenschaftlern eine Regelung, die Publikation nach einem halben
Jahr Karenz über Hochschulschriftenserver frei zugänglich zu machen. Die großen
internationalen Wissenschaftsverlage machen hierbei in der Regel mit."
Publiziertes Wissen gehört allen
"Die Wissenschaftler nehmen kaum zur Kenntnis, was sich
in der globalen Perspektive abzeichnet. Gerade in den Geisteswissenschaften
gibt es kein Bewusstsein für die Änderung der Publikationsgewohnheiten",
sagte Gudrun Gersmann.
Für Claudia Lux betraf diese Perspektive auch das digitale
Angebot der Titel in den Bibliotheken. "Hier ist die Frage, was wir mit
den Verlegern vereinbaren können. Die Digitalisierung ist nicht absolut tabu. Allein
schon das Vorpreschen von Google bewirkt eine Menge für das Ziel, Bücher durch
Bibliotheken digital ins Netz stellen zu lassen."
Walter Umstätter unterstrich, dass das in Bibliotheken
publizierte Wissen allen gehört. "Die Informationstheorie sagt eindeutig,
Information ist keine Ware wie jede andere." Auch Dr. Horst Neißer, Leiter
der Stadtbibliothek Köln sah angesichts des Internets einen Bedeutungswandel
der Bibliotheken – auch der öffentlichen. Im Unterschied zu früher werden die
generellen Informationsbedürfnisse durch das Netz abgedeckt.
Die Zukunft der öffentlichen Bibliothek liege im Gegenmodell
zum virtuellen Raum – einen Raum, wo Menschen sich treffen und zusammen
arbeiten. Horst Neißer erklärte: "Wir bekommen verstärkt Besuch von
Schülergruppen. Bei uns gibt es Bibliothekare, mit denen die Jugendlichen reden
und gemeinsam mit ihnen Probleme lösen können. Das sollten wir ausbauen."
Auch Uwe Meyering von ver.di betonte die Bibliothek als
Erlebnisraum. "Es gibt nicht nur Menschen mit Online-Zugängen und der
entsprechenden Medienkompetenz. Da ist es wichtig, nach wie vor eine
niedrigschwellige, wohnortnahe Versorgung vieler Menschen mit Informationen zu
ermöglichen – insbesondere für Schülerinnen und Schüler."
Das Netz und die Bibliothekskultur
Andererseits führe die umfassende Digitalisierung und
Verfügbarkeit von Wissen zu einer weiteren Entwicklung, sagte Gudrun Gersmann.
"Neben den wissenschaftlichen Informationsangeboten gibt es im Netz eine
Parallelkultur der Blogger und der Wikis. Die Leute dort haben ganz eigene
Informationszentren und -formen gefunden, in denen so etwas wie kollaboratives
Schreiben ganz selbstverständlich ist. Da spielt der alte Begriff des Autors
überhaupt keine Rolle mehr."
Prof. Dr. Norbert Finzsch konnte aus seinen Erfahrungen an
der Universität Köln bestätigen, dass Plagiate bei schriftlichen Arbeiten sehr
stark zunehmen. Allerdings sei die kriminelle Energie nicht angestiegen.
"Meist wissen die Betreffenden gar nicht, dass sie einen Rechtsbruch begehen.
Sie haben den Standpunkt: Das kann ich im Netz lesen, also darf ich es
kopieren."
Norbert Finzsch bekräftigte: "Wir müssen die klassische
Bibliothekskultur vermitteln, die stark von der Vergoogelung unseres Wissens
überlagert worden ist. Auch die Universität muss diese Aufgabe ernst nehmen,
wenn sie die Bibliotheken am Leben erhalten will. "
Für Horst Neißer gibt es die Bibliothek heute in zwei
Versionen: "Die reale Bibliothek, die wir betreten können und die gleiche
Bibliothek virtuell im Netz." Der Erfolg der virtuellen Bibliotheken sei
enorm. Viele Leute nutzen ausschließlich die virtuellen Bibliotheken für die
Recherche und den Leihverkehr, die reale Bibliothek kommt nur noch bei der Ausgabe
der Bücher ins Spiel.
Inzwischen gebe es laut Jürgen Bunzel bereits Pilotprojekte,
bei denen die Ausleihe über das Netz erfolgt. Hierbei werden die Bücher als
Datei mit einer "Lesefrist" zum Download angeboten. Nach Ablauf der
Frist kann die Datei nicht mehr geöffnet und gelesen werden. Solche digitalen
Angebote werden heute von vielen jungen Leuten vorausgesetzt.
Jürgen Bunzel stellte den Ausbau der digitalen Bibliotheken
als Aufgabe für die Zukunft dar: "Wir müssen diese Parallelkultur im
Internet in unsere Angebote aufnehmen. Die Bibliotheken dürfen nicht der Entwicklung
hinterherhinken. Im Gegenteil, wir müssen versuchen, uns an die Spitze dieser
Entwicklung zu stellen."
Ende der
Pressemitteilung
Über das hbz
Seit mehr als drei Jahrzehnten steht das hbz für Wissen,
Information und Innovation im Bereich des Bibliotheks- und Informationswesens.
Das Ziel des hbz liegt in der effizienten Umsetzung von kundenorientierten
Informationsdienstleistungen. Als verlässlicher Partner für Bibliotheken ist
das hbz eine Dienstleistungs- und Entwicklungseinrichtung, die in engem
Zusammenwirken mit seinen Kunden an der konstanten Weiterentwicklung
bestehender Systeme, deren Leistungsfähigkeit und hoher Stabilität arbeitet.
Innovative Tendenzen und aktuelle Entwicklungsansätze greift das hbz auf und
bietet hierfür Lösungen an.
Weblinks
Über
die Konferenz: http://www.hbz-nrw.de/ueberuns/verbundkonferenz2006
Über
DiPP: http:// www.dipp.nrw.de
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