University of Westminster/IRS-Centre (Anja Strassburger)
Bericht über einen Austauschbesuch an der
University of Westminster
- IRS Centre Harrow -
- Einleitung
- University of Westminster
- Harrow Campus
- IRS Center Harrow
- Converged Services
- Convergence im IRS Centre Harrow
- South Bank University
- University of Hertfordshire
- Resümee
- Fazit und Dank
Einleitung
In der Zeit vom 26.10.98 bis 06.11.98 hatte ich die Gelegenheit, die IRS (Information Resource Services) der University of Westminster im Londoner Stadtteil Harrow zu besuchen. Dieser Besuch fand im Rahmen des HBZ-Austauschprogrammes statt und wurde finanziell und organisatorisch unterstützt durch das British Council. Das IRS Centre in Harrow vereinigt unter einem Dach Bibliothek, Rechenzentrum und Audiovisuelles Medienzentrum der Hochschule. Dieser in Großbritannien zumindest an neueren Hochschulen weitverbreiteten Praxis der sogenannten „converged services“ galt das Hauptinteresse meines Besuches, da ich in der Medienstelle der UB Duisburg bzw. des Audiovisuellen Medienzentrums der Universität Duisburg selbst an einer Schnittstelle zwischen zwei - allerdings organisatorisch getrennten - Serviceeinrichtungen der Hochschule arbeite. Hinzu kamen jüngste Entwicklungstendenzen von gesetzgebender Seite, die beispielsweise im neuen Hochschulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen dazu geführt haben, daß eine ausdrückliche Trennung der verschiedenen zentralen Einrichtungen der Hochschule mit ihren verschiedenen Aufgabenschwerpunkten nicht mehr festgeschrieben wurde. Insofern erschien es mir sehr interessant, die Praxis der „converged services“ einmal vor Ort kennenzulernen.
University of Westminster
Die University of Westminster in London ist mit derzeit 19.000 Studierenden eine der größten Universitäten im Vereinigten Königreich. Sie geht zurück auf das 1838 gegründete Royal Polytechnic und wurde 1991 im Zuge der Hochschulreform in eine Universität umgewandelt. Das Studienangebot der University of Westminster ist breit gefächert, wobei zwischen Vollzeit- und Teilzeitstudienangeboten gewählt werden kann. Die Universität legt den eigenen Schwerpunkt auf „educating for professional life“, die neben einer fundierten praxisorientierten Berufsausbildung auch die ständige Weiterbildung im erlernten Berufszweig ermöglichen will. Die University of Westminster verteilt sich auf vier Standorte im Großraum London.
Harrow Campus
Während die Zentrale und drei Hochschulstandorte der University of Westminster im Zentrum des Londoner Stadtgebiets liegen, befindet sich der größte Campus in Harrow im Nordwesten Londons. Hier gibt es derzeit ca. 5000 Voll- und Teilzeitstudenten, die sich auf die Fächer Wirtschaft, Informatik, Journalismus, Medienwissenschaften, Design und Fotografie verteilen. Harrow war früher der Standort des Harrow College of Higher Education, das in der Universität aufgegangen ist, dessen Gebäude aber Grundlage des durch Neu- und Umbauten erweiterten Harrow Campus bilden. Entstanden ist ein sehr moderner Hochschulstandort, der von der räumlichen Gestaltung her eher an ein Einkaufszentrum erinnert, den Hochschulangehörigen aber vielfältige Möglichkeiten bietet. So gehören Film-/Fernseh- und Rundfunkstudios ebenso zur Ausstattung wie eine umfassende Vernetzung aller Arbeitsbereiche. Ungewöhnlich aus deutscher Sicht ist, daß es sich um einen im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlossenen Campus handelt, der wochentags nur in der Zeit von 8.00 - 21.30 Uhr und am Wochenende von 10 - 18 Uhr geöffnet ist und in dieser Zeit auch nur Hochschulangehörigen (Ausweispflicht!) bzw. angemeldeten Besuchern zugänglich ist. Diese Praxis ist im Großraum London durchaus üblich, trotzdem bleibt es ein etwas befremdliches Gefühl, sich an jedem Campus-Eingang mit uniformierten Security Guards konfrontiert zu sehen. Durch eine unmittelbar vor dem Campus gelegene Bahnstation der Metropolitan Line ist eine Anbindung an die anderen Hochschulstandorte gegeben.
IRS Center Harrow
Gebäude
Für das IRS Center wurde innerhalb des Campus das „Queens-Building“ errichtet, das 1995 eröffnet wurde. Bei der Konzeption dieses Gebäudes sollte sowohl dem besonderen Bedarf der genannten Studienrichtungen als auch den Anforderungen der neuen Informationstechnologien in Hinblick auf den Bedarf des 21. Jahrhunderts Rechnung getragen werden.
Wesentlicher Bestandteil der Planungen war, die bis dahin getrennt vorhandenen Serviceeinrichtungen Bibliothek, Rechenzentrum und Audiovisuelles Medienzentrum in einem Gebäude zusammenzufassen, um so eine zentrale Anlaufstelle für die Hochschulangehörigen zu schaffen. So bietet das moderne, dreigeschossige Gebäude nicht nur 420 Lesearbeitsplätze, sondern auch über 180 Computerarbeitsplätze, von denen sich 70 in separaten Räumen befinden, die auch für Lehrveranstaltungen etc. genutzt werden können. Das an diesen Geräten installierte Programmangebot ist vielfältig; neben dem Zugang zum WWW finden sich auch komplette Office-Pakete, spezielle Grafikprogramme, CD-ROM-Datenbanken etc. Auch das Einscannen von Vorlagen sowie alle Arten von Ausdrucken und Kopien können im hauseigenen „Copy shop“ erledigt werden.
Der Zugang zum allgemeinen Computernetz ist nur über die Eingabe einer ID-Nr. und des entsprechenden Passworts möglich. Somit findet hier wie auch beim allgemeinen Zugang zu den Serviceleistungen des IRS die restriktive Campus-Politik, die nur Hochschulangehörigen den Zugang erlaubt, ihre entsprechende Fortführung. Ausnahme stellen hier lediglich gesondert - meist zu Forschungszwecken - zugelassene BenutzerInnen dar, die aber lediglich den Buchbestand vor Ort nutzen können, während ihnen der Zugriff auf das Rechnernetz und die Ausleihe von Medien versagt bleiben. Dafür kann bei den Hochschulangehörigen auf die Erhebung von Gebühren bei Fristüberschreitungen etc. verzichtet werden, da eine vorübergehende Sperrung des Ausweises bzw. des Zugangs zum Rechnernetz eine ausreichende Restriktion darzustellen scheint. Großer Wert wurde bei der Planung des Gebäudes weiterhin auf vielfältige Nutzungsmöglichkeiten von Medien aller Art gelegt. So findet man in der zweiten Etage ein komplett ausgestattetes Fernsehstudio sowie weitere technische Möglichkeiten zur Ton- und Filmbearbeitung. Die „Design workshop area“ bietet darüber hinaus spezielle Arbeitsplätze zur Ansicht und Bearbeitung von Dias und zur Erstellung von graphischen Vorlagen und Collagen und trägt somit der großen Bedeutung der design- und medienorientierten Studiengänge in Harrow Rechnung. Ein gesonderter Zeitungslese- und Kurzinformationsbereich im Eingangsbereich des Centers trägt zu dessen Charakter einer zentralen Anlaufstelle für Informationen aller Art auf dem Campus bei. Die Öffnungszeiten des IRS Centres wurden an die allgemeinen Campusöffnungszeiten angeglichen.
Bestand
Die breite Ausrichtung auf Medien aller Art, die schon bei der Strukturierung des Gebäudes und der dort vorhandenen technischen Möglichkeiten deutlich wird, findet natürlich auch im Bestand des IRS Centers ihren Niederschlag. So steht der Buchbestand mit ca. 100 000 Bänden gleichberechtigt neben einem vielfältigen Angebot von AV- und computerlesbaren Medien. Die Bücher sind nach der "Dewey Decimal Classification" aufgestellt und verteilen sich auf die erste und zweite Etage des Gebäudes. Die ca. 1000 laufenden Zeitschriften sind entsprechend der Fächerverteilung zentral auf beiden Etagen aufgestellt. Der gesamte Bestand orientiert sich sehr eng an den auf dem Campus vertretenen Fachgebieten und Lehrveranstaltungen. So findet man nur einen sehr kleinen Bestand an allgemeinen Nachschlagewerken; Allgemeinbibliographien sucht man an diesem Hochschulstandort vergeblich. Der Forschungsaspekt spielt im Hochschulalltag offensichtlich eine sehr untergeordnete Rolle. Dies schlägt sich auch in einem sehr geringen Aufkommen von Fernleihbestellungen nieder, die entweder über das Document Supply Center der British Library oder aber im Falle von Zeitschriftenaufsätzen über das Schnellliefersystem LAMDA abgewickelt werden. Die Kosten hierfür trägt die Hochschule. Der Medienbereich in der zweiten Etage umfaßt ca. 10.000 Videocassetten, die sich in gekaufte Cassetten und Mitschnitte aus dem Fernsehen aufteilen. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf Spielfilmen aller Art und Dokumentationen und Reportagen. Bei den ca. 2.000 Audio-CD’s liegt der Schwerpunkt auf aktueller Pop-Musik, die insbesondere als Hintergrundmusik für Filme und Multimedia-Anwendungen benutzt wird. Zu einer gesonderten Sammlung von ca. 40.000 Dias wurde eine Erschließungssystematik erstellt, die auch sehr spezielle Suchanfragen ermöglicht. Alle anderen Katalogabfragen erfolgen über das System LIBERTAS, das den BenutzerInnen an speziellen Arbeitsplätzen zur Verfügung steht und auch die Verwaltung des eigenen Ausleihkontos ermöglicht.
Organisationsstruktur
Die Zusammenlegung von Bibliothek, Rechenzentrum und AV-Support findet natürlich auch ihren Niederschlag in der organisatorischen Struktur des IRS Centres. Der Leiter (Manager) des Centres ist der bisherige Leiter des EDV- und Medienbereiches, seine Stellvertreterin die leitende Bibliothekarin. Von den insgesamt 30 Mitarbeiten des IRS in Harrow sind 16 aus dem bibliothekarischen Bereich, wobei hier nur nach BibliothekarInnen („librarians“) und BibliotheksassistentInnen („library assistants“) unterschieden wird. Während die Assistenten im wesentlichen ihren Dienst im Bereich des Ausleihschalters versehen, sind die BibliothekarInnen jeweils für ein Fachgebiet zuständig, für das sie Literaturauswahl, Katalogisierung, aber auch Schulungen für die Lehrenden und Studierenden des Fachgebietes erledigen. Die Erwerbung wird über die zentrale Erwerbungsstelle des Bibliothekssystems der University of Westminster abgewickelt. Der Medienetat wird den Leitern des bibliothekarischen Bereichs der einzelnen Hochschulstandorte zugewiesen, die diesen wiederum auf die jeweiligen "subject librarians" aufteilen. Erwerbung und Katalogisierung werden ebenfalls über das System LIBERTAS abgewickelt. Darüber hinaus arbeiten alle BibliothekarInnen wöchentlich ca. 15 Stunden an den beiden Informationstheken, so daß sie häufig mehrmals am Tag ihren Arbeitsplatz wechseln. Die acht MitarbeiterInnen aus dem EDV-Bereich sind für den EDV-Gerätebestand des gesamten Campus zuständig, verwalten das lokale Rechnernetz und führen die in ihren Bereich fallenden Benutzerschulungen durch. Daneben leisten auch sie in regelmäßigem Turnus Dienst an einer der Infotheken.
Converged Services
Die zunehmende Bedeutung von elektronischen Informationsdienstleistungen hat in vielen britischen Bibliotheken in den achtziger Jahren zu einer - auch von Hochschulseite empfohlenen - engeren Zusammenarbeit mit den Rechenzentren der Hochschulen geführt. Häufig hat diese Tendenz im Laufe der neunziger Jahre zu einer „convergence of services“ geführt, d.h. die bislang getrennten Institutionen wurden organisatorisch zusammengelegt. Dies entsprach auch einer Empfehlung des 1993 erschienenen Follett-Reports. Darüber hinaus kamen zum Teil weitere Komponenten wie z.B. Medienzentren hinzu. Nach außen sichtbar wird diese Neustrukturierung der Dienstleistungsangebote häufig dadurch, daß man inzwischen an vielen Hochschulen vergeblich nach einer „Library“ sucht und stattdessen „Learning & Information Services“ und „Information Ressource Services“ findet. Diese nicht unumstrittene Zusammenlegung hat für viel Diskussionsstoff gesorgt. Bevor ich die Organisationsformen an den von mir besuchten Hochschulen beschreibe, möchte ich kurz die wesentlichen Problempunkte nennen, die bei der Auseinandersetzung über „converged services“ immer wieder auftauchen:
- Wer wird Leiter einer solchen Gesamtorganisation?
Diese Frage geht natürlich weit über eine reine Personalentscheidung hinaus. Vielmehr lassen sich hieraus möglicherweise Schlussfolgerungen bezüglich der Zielsetzung und inhaltlichen Gewichtung der Gesamtorganisation ableiten, insbesondere dann, wenn - wie im Regelfall - die bisherige Leitung des Rechenzentrums oder der Bibliothek diese Aufgabe übertragen bekommt. Die jeweils andere Seite befürchtet einen Imageverlust, eine Abwertung der eigenen Arbeit und eine verstärkte Ausrichtung auf die bislang vertretenen Dienstleistungsangebote der anderen Einrichtung. Einen ebenso aufschlussreichen wie amüsanten Überblick über die dabei auftretenden Meinungsverschiedenheiten bietet Stephen Gough’s Zusammenfassung einer Podiumsdiskussion , der auch die nebenstehende Grafik entnommen ist.
- Wie läuft die Zusammenarbeit zwischen den Angehörigen verschiedener Berufsgruppen?
Ganz so extrem wie in der nebenstehenden Karikatur ist es in den meisten Fällen nicht, aber dennoch treffen natürlich MitarbeiterInnen aus Bereichen aufeinander, die bislang vielleicht einen anderen Berufsalltag und einen anderen Arbeitsschwerpunkt hatten: den ComputerspezialistInnen ist eine wirklich öffentliche Institution mit regelmäßigem Benutzerverkehr vielleicht ebenso suspekt wie den BibliothekarInnen die große Anzahl der bereitgestellten Computerarbeitsplätze. Ein grundsätzliches Problem stellt in diesem Zusammenhang aber sicher die Befürchtung einer möglichen Entprofessionalisierung dar, d.h. es könnte eine Tendenz bestehen, "Allroundkönner" ohne formale Qualifikation einzusetzen und damit die fachliche Ausbildung zu entwerten.
- Wer verteilt die Finanzen und wieviel bekommt eine so entstandene Großinstitution?
Dies scheint auf den ersten Blick eine überflüssige Frage zu sein, da man annehmen sollte, dass die Verteilung der Etats mehr oder weniger gleich bleibt. Häufig ist aber gerade diese Frage der Knackpunkt, der an einigen Standorten schon wieder zu einer „deconvergence“ geführt hat.
Der Sinn eines Austauschbesuches liegt sicherlich vor allem darin, daß man theoretische Konzepte, die aus der einschlägigen Fachliteratur bekannt sind, in ihrer konkreten Umsetzung im Alltag kennenlernen kann, um so Vorteile bzw. Schwachpunkte beurteilen zu können. So hat die aus theoretischer Sicht auf den ersten Blick ziemlich einheitliche Zusammenlegung von Serviceeinrichtungen in der Praxis so viele unterschiedliche Ausrichtungen und Facetten, dass eine pauschale Beurteilung dessen, was als "converged services" bezeichnet wird, schier unmöglich ist. Ich hatte die Gelegenheit, drei verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten kennenzulernen, die zumindest einen groben Überblick über Möglichkeiten und Grenzen dieser Organisationsformen liefern können. Neben meiner "Stamminstitution", dem Harrow IRS Centre, waren dies die "Learning Information Services" der South Bank University und die "Learning Resources Centres" der University of Hertfordshire.
Convergence im IRS Centre Harrow
Wie schon beschrieben, wurden in Harrow die bislang getrennten organisatorischen Einheiten mit ihrem Bestand und dem Personal unter einem Dach zusammengeführt. Der bisherige Leiter der IT- und AV-services wurde Centre-Manager, die leitende Bibliothekarin seine Vertreterin. Nach meinem Eindruck lief diese Zusammenarbeit weitgehend problemlos ab, was aber sicherlich auch an dem guten und kooperativen Führungsstil der beiden Personen lag, die ihre „eigenen“ Bereiche relativ autark führten und bei der Gesamtorganisation stets nach gemeinsamer Absprache handelten. Bezogen auf das Gesamtsystem der IRS der Hochschule gab es aber deutliche Schwierigkeiten, die in den vergangenen Jahren schon mehrmals zu einer Kursänderung bei der Umsetzung der Zusammenlegung geführt haben. So stellt das IRS Centre in Harrow zwar nach wie vor das - auch nach außen für jeden deutlich erkennbare - Aushängeschild der "convergence" dar, auf gesamtuniversitäre Sicht ist aber eher eine Tendenz zur "deconvergence" gegeben. Dies trifft insbesondere auf den fiskalischen Bereich zu; so werden die Mittel für den Buchetat von der Zentrale der IRS an die einzelnen Standorte verteilt, während die Mittel für den IT-/AV-Bereich von den Campusverwaltungen vergeben werden. Diese versprechen sich davon mehr Einfluss auf die Ausrichtung dieses Services und einen besseren Überblick über den Verbleib der zum Teil sehr hohen Summen, die für Lizenzerwerb, Neuanschaffung von Hardware etc. ausgegeben werden. Zur Zeit meines Aufenthaltes in London war die Stelle der Gesamtleitung der IRS vakant; eine mögliche Neustrukturierung wurde erst im Zusammenhang mit der Neubesetzung dieser Stelle erwartet. Die Zusammenarbeit von Bibliotheks- und IT-Spezialisten gestaltete sich in Harrow aus Benutzersicht sicherlich nur positiv. Konkret sichtbar wurde dies an der Informationstheke in der ersten Etage, die ständig mit einer Person aus dem bibliothekarischen Bereich und einer Person aus dem Computer-Bereich besetzt war. Der Ablauf war in der Regel so, daß die BenutzerInnen eine Person ansprachen, diese ihnen soweit wie möglich weiterhalf bzw. an den Kollegen oder die Kollegin verwies, wenn die Frage mehr in den jeweils anderen Bereich fiel. Für die BenutzerInnen ist dies sehr positiv, als sie in jedem Fall kompetente Hilfe zu seiner Frage bekommen, egal ob es nun beispielsweise eine bibliographische Anfrage war oder die Frage nach der Konfiguration des eigenen Rechners. Aber auch für das Personal ergaben sich Vorteile, da diese Zusammenarbeit zum einen natürlich das Lernen voneinander aber auch Verständnis füreinander ermöglicht, gleichzeitig aber niemand das Gefühl hatte, alles wissen zu müssen. Gerade die BibliothekarInnen haben dies sehr häufig als sehr vorteilhaft empfunden, da sie nun z.B. nicht mehr den Ehrgeiz haben mußten, neben den bibliographischen Feinheiten einer CD-ROM-Datenbankabfrage auch noch das ganze technische Know-how haben zu müssen. Der AV-Bereich blieb, was die technische Seite betrifft relativ getrennt vom Rest, was aber sicherlich auch auf den sehr hohen Spezialisierungsgrad zurückzuführen ist; aus Benutzersicht war es so, daß im wesentlichen die BibliothekarInnen den Dienst an der Infotheke im Medienbereich versahen, die dann aber bei technischen Fragen auch an die unmittelbar dahinter arbeitenden KollegInnen im Studio des Centers verweisen konnten. So war die - zum Teil auch räumlich sehr enge - Zusammenarbeit eigentlich durchweg von einer gegenseitigen Wertschätzung geprägt, die zusammen mit einer guten Prise des berüchtigten britischen Humors zu einem sehr guten Betriebsklima beitrug.
Convergence in den "Learning & Information Services" (LIS) der South Bank University -London-
An der South Bank University hat keine organisatorische Zusammenlegung stattgefunden, vielmehr hat die Bibliothek ihr Angebot in Hinblick auf die elektronischen Dienstleistungen und Medien erweitert und diese Angebote unter der neuen Bezeichnung "Learning & Information Services (LIS)" zusammengefaßt. Kernstück dieser Angebotserweiterung ist das neuerrichtete "Learning Resources Centre (LRC)". Während sich in der nur wenige Gehminuten entfernten "Perry Library" die "normale" Bibliothek mit Büchern, Zeitschriften und den einschlägigen Literaturdatenbanken befindet, konzentriert sich hier auf vier Etagen das Angebot an elektronischen Zugangsmöglichkeiten und Medien. Neben Internetzugängen, Mailmöglichkeiten, Office-Paketen sind hier auch Multimedia-Lernsoftware und der Zugriff auf elektronische Volltexte möglich. Daneben gibt es auch ein Sprachlabor, das Audio-Selbstlernkurse, computergestützte Sprachkurse sowie Satellitenzugänge zu fremdsprachigen Fernsehsendern bereitstellt. Anders als in Harrow gibt es hier also kein Nebeneinander von gedruckten und "neuen Medien", in der Erinnerung bleibt vielmehr das Bild von riesigen Sälen mit hunderten von Computerarbeitsplätzen.
Auch der Personaleinsatz wird hier anders organisiert. Das Bibliothekspersonal ist eigentlich vollständig in der "Perry Library" verblieben, es besteht die Möglichkeit, auch im LRC Auskunftstätigkeiten zu übernehmen, was aber nur sehr selten und nur von sehr wenigen Personen wahrgenommen wird. Hauptgrund dafür ist, daß sich viele BibliothekarInnen den dort gestellten Fragen nicht gewachsen fühlen und sich deshalb lieber auf gewohntem und sicherem Terrain in der "Perry Library" bewegen möchten. Stattdessen wurden für den Auskunftsdienst im LRC neue Leute eingestellt, die aber in der Regel über keine bibliothekarische oder informationstechnische Qualifikation verfügen, sondern häufig nur über ein durch eigene Initiative erworbenes Rundum-Basiswissen verfügen. Diese sind für die BenutzerInnen am "Central help desk" in der ersten Etage erreichbar, darüber hinaus gibt es temporär besetzte Infotheken auf den Etagen, vor allem aber eine sehr große Anzahl von gedruckten Anleitungen, die überall ausliegen. Zu Semesterbeginn werden diese noch durch spezielle Schulungen ergänzt, für die gesonderte Räume zur Verfügung stehen.
Obwohl also hier das Modell der "Converged services" als eigenständige Angebotserweiterung der Bibliothek umgesetzt wurde, hat entgegen ursprünglichen Planungen eine räumliche und personelle Abtrennung vom sonstigen Angebot der Bibliothek stattgefunden. Unklar ist auch die zukünftige Organisationsstruktur innerhalb der Hochschule: das Computer Services Department, das sich nunmehr nur noch auf seine Kernarbeitsgebiete wie System- und Netzverwaltung reduziert sah, hat Interesse an einer stärkeren organisatorischen Beteiligung am LRC angemeldet, wobei auch eine Übernahme nicht ausgeschlossen scheint. Abgesehen von den üblichen hochschulinternen Machtkämpfen spielt hier sicherlich der hohe Beliebtheitsgrad des LRC bei den Studierenden eine Rolle, das dem LRC neben einem hohen Prestige innerhalb der Hochschule auch eine entsprechende finanzielle Ausstattung beschert hat.
Convergence in den "Learning Information Services" der University of Hertfordshire
Mit einer extremen Neuorganisation und einem wirklich imposanten Neubau ging der Übergang zu "converged services" am Standort Hatfield der University of Hertfordshire einher, den ich während meines Aufenthaltes besuchte. Hier wurde das bisher in den Bereichen Bibliothek und Computer Service arbeitende Personal schlichtweg entlassen. Nach der erfolgten Neustrukturierung mußte das bisherige Personal sich dann neu bewerben, wobei die entstandenen Stellen durchaus andere Aufgabenprofile hatten als vor der Zusammenlegung.
Als BenutzerIn des neuentstandenen Learning Resource Centres der Learning and Information Services in Hatfield sieht man sich zunächst mit einem wirklich riesigen Gebäude konfrontiert, das mit 1.600 Arbeitsplätzen, von denen die Hälfte mit Computern ausgestattet sind, das zur Zeit größte LRC im Vereinigten Königreich darstellt. Ähnlich wie in Harrow gibt es hier also eine Mischung der verschiedenen Medienformen, die auf verschiedene Etagen verteilt sind. Auffallend ist aber, daß hier sehr stark das Prinzip des "Self-service" vertreten wird, d.h. den BenutzerInnen werden durch Einführungskurse, Infomaterialien etc. Grundkenntnisse vermittelt, so daß sie selbst die von ihnen benötigten Materialien suchen müssen. Bei Fragen können sie sich an ein "help desk" wenden, das aber von seiner Konzeption und der Ausbildung des dort arbeitenden Personals nur auf kurze Routinefragen ausgerichtet ist. Für längere, fach- oder medienspezifische Auskünfte müssen gesondert Termine mit den "Experten" aus dem bibliothekarischen oder informationstechnischen Bereich vereinbart werden. Die Folgen dieser Konzeption für die Personalpolitik und den Personaleinsatz liegen auf der Hand: im Benutzungsbereich arbeiten nur "bibliothekarische Laien" mit Rundum-Basis-Wissen, die BibliothekarInnen und Computerfachleute - zahlenmäßig deutlich dezimiert - arbeiten hinter den Kulissen und haben nur nach ausdrücklicher Terminabsprache Benutzerkontakt.
Resümee
Auch wenn diese Beschreibungen wirklich nur Kurzdarstellungen der Konzepte und ihrer wesentlichen Umsetzungsmerkmale waren, wird deutlich, wie unterschiedlich ein theoretisches Grundkonzept umgesetzt wurde. Grundsätzlich ist die Zusammenlegung der Serviceeinrichtungen aus Benutzersicht sicherlich positiv zu beurteilen, da so eine Anlaufstelle geschaffen wurde, die den Studierenden alle Serviceangebote unter einem Dach bietet. Gerade in Hinblick auf den Einsatz neuer Medien erschiene eine Trennung in der Praxis in zunehmendem Maße auch schwierig; jedenfalls müßten die Zuständigkeiten administrativ geklärt werden. Der 1997 erschienene "Dearing-Report" legt für die Hochschulen des Vereinigten Königreiches u.a. auch eine Verstärkung des Medieneinsatzes z.B. durch Selbstlernkurse fest und möchte die Ausstattung der Studierenden mit vernetzten Computern verbessern. Auch hier ist eine Gesamtserviceeinrichtung sicherlich von Vorteil, denn die Entwicklung neuer Benutzungs- und Servicekonzepte ist - so der einheitliche Tenor meiner Gesprächspartner und der einschlägigen Fachliteratur - unkomplizierter durch die enge Zusammenarbeit der verschiedenen Spezialisten geworden. Aus Sicht der MitarbeiterInnen hängt es sehr von der praktischen Umsetzung ab, ob eine "convergence" aus ihrer Sicht von Vorteil ist. Meine KollegInnen aus Harrow empfanden die Zusammenarbeit durchweg als positiv, was aber sicherlich auch dadurch bedingt war, daß sie sich mit ihrer Qualifikation in den zum Teil neuen Aufgaben "wiederfinden" konnten bzw. diese als Herausforderung betrachteten. Vor allem aber wurden ihre Fähigkeiten nicht durch den Einsatz Ungelernter in ihren bisherigen Aufgabengebieten in Frage gestellt, wie es zum Teil in anderen Einrichtungen passiert ist. Problematisch sind in jedem Fall - und hier liegt auch häufig der Grund für eine schleichende Tendenz zur "deconvergence" - die Rolle, die diese Großeinrichtungen innerhalb der Hochschule spielen, die Einschätzung der Hochschulführung, wie effizient, dort finanzielle Mittel eingesetzt werden bzw. der Wunsch anderer Entscheidungsträger wie z.B. Campusverwaltungen Einfluss auf die informationstechnische Ausstattung nehmen zu können.
Fazit und Dank
Für den Fall, daß es aus meinen bisherigen Schilderungen noch nicht ersichtlich war: der Aufenthalt in London war einfach großartig! Die Möglichkeit, wirklich vor Ort den Berufsalltag einer britischen Bibliothek kennenzulernen, in Gesprächen Erfahrungen mit den KollegInnen auszutauschen, habe ich als sehr wertvolle Erfahrung schätzen gelernt. Und so habe ich auch sehr viele Anregungen, neue Sichtweisen und Ideen mit nach Hause genommen. Ein herzlicher Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen des IRS Harrow, die mir vom ersten Tag an das Gefühl vermittelt haben, "dazu zu gehören" und immer ein offenes Ohr für meine Fragen und Anliegen hatten. Danken möchte ich auch den Kolleginnen und Kollegen der beiden anderen Universitäten, die ich während meines Aufenthaltes besuchen konnte. Last but not least gebührt dem British Council und dem HBZ großer Dank für die Organisation und Unterstützung dieses Austauschprogramms. Aufgrund meiner positiven Erfahrungen hoffe ich, daß noch viele Kolleginnen und Kollegen die Möglichkeit bekommen, in diesem Rahmen andere Bibliotheken besuchen zu können.
Über Fragen oder Anregungen zu meinem Aufenthalt oder diesem Bericht würde ich mich sehr freuen:
Anja StraßburgerLeiterin Bibliothek
Kanton Thurgau
Pädagogische Maturitätsschule am Seminar Kreuzlingen
Hauptstraße 87
CH-8220 Kreuzlingen
E-Mail: anja.strassburger@tg.ch