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Dr. Eva Weissweiler |
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Lindenstr. 84 50674 Köln Tel.: 0221/ 215190/70 |
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Biografie
Geboren
1951 in Mönchengladbach; mit 5 Jahren Ausbildung zur Pianistin; Studium
der Musikwissenschaft und Germanistik in Bonn; 1974 Promotion; lebt als freie
Schriftstellerin und Filmautorin in Köln.
Bibliografie
(Auswahl)
| 1990 |
Clara Schumann. Eine Biographie.
Hamburg ISBN 3-455-08332-3 - zahlreiche Ausgaben und
Auflagen |
| 1993 |
Gejagt von der Liebe. Roman (ein Frauenkrimi - nicht nur für Frauen).
Frankfurt/M. ISBN 3-548-30325-0 |
| 1996 |
Der Sohn des Cellisten. Roman.
Hamburg ISBN 3-455-07871-0 |
| 1999 |
Lese-Lust. (Autorinnen und Autoren aus NRW). Hrsg. von Eva Weissweiler
u. Ulla Lessmann.
Köln ISBN 3-920862-23-6 |
Leseprobe
"Waren Sie eigentlich im Krieg?" fragte mich Benno.
"Nein", sagte ich, "für wie alt hältst du mich denn? Sehe ich etwa
wie ein Großvater aus? Ich bin 1951 geboren. Da war der Krieg längst
vorbei."
"Ich weiß", sagt Benno.
Er ist elf Jahre und mein Klavierschüler. Er nimmt die Nazizeit im
Geschichtsunterricht durch. Geschichte, Kriege und Entdeckungen faszinieren
ihn. Aber er hat ebensowenig Gespür für Zeit wie für Rhythmus.
Deshalb wundert es mich auch nicht, als er nach wenigen Minuten seinen Czerny
abbrach, mich mit großen, blauen Kinderaugen ansah und fragte:
"Aber waren Sie wenigsten Hitlerjunge?"
"Nein", stöhnte ich, erschöpft von der Aussichtslosigkeit, ihm
die Chronologie der Geschichte zu erklären. Dabei ist Benno keineswegs
dumm, sondern ausgesprochen neugierig und intelligent. Wenn nur diese
Begriffsstutzigkeit in Sachen Geschichte nicht wäre. Neulich, beim
Kakaotrinken nach der Klavierstunde, wollte er beispielsweise wissen, ob
ich als Junge in einem Bergwerk gearbeitet hätte. Ich sei doch ein Kind
der industriellen Revolution, meinte er altklug. Nein, sagte ich, ich sei
ein Kind des Wirtschaftswunders, und fragte mich gleichzeitig, ob das auch
stimmte.
Mönchengladbach, Mitte der fünfziger Jahre: Die zerbomten Häuser
und halben Ruinen in der Lindenstraße, die Trümmergrundstücke
am Bunten Garten, die vom Bahnhof zum Alten Markt ansteigende Haupteinkaufsmeile,
die nur aus notdürftig wieder aufgerichteten Flachbauten bestand, war
das das Wirtschaftswunder? Der dünne Wolldeckenmantel von Maman, ihr
elendes Kohleschüppen im Winter, die letzten, schon zum Fossil gewordenen
Lebensmittelkarten, mit denen ich bei der Bäuerin Milch, Eier und Käse
holte, war das das Wirtschaftswunder?
Einmal, ich war vielleicht drei oder vier, stolperte ich über die
durchlöcherte Bordsteinkante und vergoß die kostbare Milch in
den Rinnstein.
"Lieber Gott, strafe mich nicht", betete ich, denn Milch zu verschütten
war ein Todsünde, "mach, daß wir nicht jämmerlich verhungern
müssen!"
"Ihr Erwachsenen hattet wenigstens den Krieg", sagte Benno unbelehrbar, "aber
wir haben gar nichts!"
Sind Elfjährige heute alle so begriffsstutzig? Ist es der Einfluß
des Fernsehens, der Computerspiele, des schlechten oberflächigen
Schulunterrichts oder der neureichen, nur an ihrer Karriere interessierten
Eltern? Ich wußte doch damals wenigstens, daß mein Vater im Zweiten
Weltkrieg gewesen war, mein Großvater im Ersten und mein Urgroßvater
im Krieg 70/71. Es gab Fotos davon. Unzählige Heldengeschichten. Nein,
man brauchte uns die Geschichte nicht erst beizubringen, wir kannten sie,
waren ihre Erben, hatten sie in uns aufgesogen, waren mit Gesprächen
über Juden, Bombenangriffe, U-Boote und Fallschirmabsprünge groß
geworden wie Benno mit dem Game-Boy und der Rock- und Popmusik. Nur Czerny,
den haben die Generationen gemeinsam, dachte ich und erinnerte mich an meine
Klavierfolterqualen bei Senor Lopez, dem spanischen, in die Bundesrepublik
emigrierten Antifaschisten, der in Spanien für die Freiheit gekämpft
hatte und am Klavier für die Sklaverei eintrat. Was hätte er wohl
gesagt, wenn ich ihn, wie Benno mich, unschuldig gefragt hätte:
"Herr Lopez, wenn man im Krieg Feinde erschießt, ist man dann ein
Mörder?"
"Feste Finggger, feste Finggger", hätte er geantwortet, denn seine Sprache
war längst auf jene Formelhaftigkeit geschrumpft, die lebenslängliches
Klavierspielen mit sich bringt, nicht nur Klavierspielen, sondern Musikmachen
überhaupt, wenn man es ausschließlich und professionell betreibt
wie er oder mein Vater auf seinem Cello.
Sie waren taub geworden, hörten unsere Fragen und Zweifel ebensowenig
wie die zarten, religiösen Nuancen der Musik. Was war mit der Vaterhand,
die so gekonnt mit Cellobogen umging, mir manchmal durchs schwarze Haar fuhr
oder Maman über die zartbraunen Wangen strich? War sie nicht verbrannt
von der nordafrikanischen Wüstensonne, sondern auch rot von Blut?
"Ich war immer bloß Musiker, und Musik ist unschuldig", sagte
meinVater.
Ich weiß bis heute nicht, ob ich das glauben kann. Es war sehr heiß
an diesem Nachmittag im Sommer 1994. Ganz Köln lag in einer einzigen,
dumpfen Siesta, die nur vom Lärm der Autos und Straßenbahnen
unterbrochen wurde, der von der Zülpicher Straße gedämpft
herüberklang.
Die Studenten meines Franz-Schubert-Seminars waren in den Semesterferien.
Ich hatte alle Klavierstunden, die ich, obgleich Lehrbeauftragter für
Musikwissenschaft, aus nostalgischen Gründen oder um den Kontakt zu
Kindern nicht zu verlieren, immer noch gab, eigentlich absagen wollen, war
aber zu träge oder zu pflichtbewußt, was weiß ich.
Irgend etwas muß man doch tun. Man konnte sich schließlich nicht
ganz dieser Hitze, diesem dolce far niente, hingeben, das übrigens gar
nicht dolce war, sondern Herzen stillstehen, die Luft nach Gift riechen und
die Finger auf den Tasten des alten Ibach-Klaviers ausrutschen ließ.
Das Gelb des Elfenbeins hatte die Farbe vom Haar meiner Großmutter,
bevor das blühende Wirtschaftswunder ein künstliches Violett darauf
zauberte. Welche Hoffnungen hatte sie in den kleinen, klavierspielenden Theo
gesetzt, der damals noch vom Organisten Martens unterrichtet wurde und immer
wieder versuchte, die Melodie des "Erlkönig" zu spielen, rührend
hilflos, mit Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger, die er in halsbrecherischen
Fingersätzen umeinanderschlag, unfähig, den zittrigen Gesang der
Oma zu begleiten.
Benno, den ich über diesen Gedanken vergessen hatte, obwohl er wie eine
aus dem Takt geratene Maschine fortfuhr, seinen Czerny zu hämmern,
unterbrach schon wieder sein Spiel, um mich zu fragen:
"Sind Sie eigentlich gern Klavierlehrer? Müssen Klavierlehrer auch Czerny
üben?"
"Du mußt jetzt gehen", sagte ich müde, obwohl ich ihn lieber um
mich habe als irgend jemanden sonst und seine Schuljungenfragen beim Kakao
Woche für Woche herbeisehne, denn ich bin menschenscheu und tue mich
schwer mit Freundschaften. Ich bin unverheiratet, ohne feste Partnerin. Auch
zu den Studenten meines Seminars habe ich wenig Kontakt, denn ihre Sprache,
ihre Fragen sind mir fremd. Benno ist anders. Benno ist so wie ich einmal
war, nur heißt sein Klavierlehrer zum Glück nicht Senor Lopez,
der mich mit Franz Schuberts Moment musical in f-Moll fast zum Wahnsinn getrieben
hatte.
"Feste Finggger, feste Finggger", rief er aus seinem Schlafzimmer.
Er telefonierte. Das Telefon stand neben seinem Bett. Die Tür, die das
Wohnzimmer mit dem Schlafzimmer verband, war offen, und mindestens fünfmal
während seines Gesprächs rief er:
"Feste Finggger!!
Was er noch sagte, verstand ich nicht, den Senor Lopez sprach Spanisch, leise
und verschwörerisch, sprach von "Franco", "politica" und "universidad".
(aus: Der Sohn des Cellisten : Roman, erschienen bei Hoffmann und Campe in
Hamburg, 1996)
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